Systemische Familientherapie zeigt erste Erfolge

Konstruktive Hilfestellung statt Heim

Einstimmig fasste der Jugendhilfeausschuss den Beschluss, die systemische Familientherapie in Absprache mit den freien Trägern weiter auszubauen. Bei dieser Therapie handelt es sich um besondere Hilfestellungen in Problemfamilien.

Beispiel Familie M.. Sie ist eine ganz normale Patchworkfamilie. Drei Kinder aus den ersten Ehen der beiden Partner und ein weiteres eigenes.

Alles also ganz normal. Aber nur fast. Denn eines der drei größeren Kinder ist gerade im Teenageralter und verursacht Probleme. Letzter Ausweg wäre eine Unterbringung im Heim, eine Inobhutnahme. Der geschilderte Fall der Familie M. ist konstruiert. Aber beim Kreisjugendamt zählen solche Fälle zum Alltag.

Doch nicht in jedem Fall muss es zu einer Inobhutnahme kommen. Bettina Knödler, Leiterin des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD), stellte am Dienstag dem Jugendhilfeausschuss des Main-Tauber-Kreises ihr „Zaubermittel“ vor: die systemische Familientherapie. „Jede Familie ist ein System aus einzelnen Mitgliedern.

Jedes System funktioniert anders. Wenn die Familienbalance gestört ist, schieben sich die Probleme oft auf ein Familienmitglied. Die systemische Therapie löst alte Muster auf, bringt neue Muster rein“, erklärt Knödler die Funktionsweise.

Familie muss mitmachen

Das ganze passiert unter Anleitung eines ausgebildeten Therapeuten. Die Therapie beschränkt sich nicht nur auf Gesprächskreise. Sie ist laut Knödler sehr vielfältig und kann sich bis hin zur Hilfe bei sozialen Problemen erstrecken. Sechs Therapeuten sind derzeit im Main-Tauber-Kreis für diese Tätigkeit ausgebildet.

Etwa 15 Einheiten zwischen einem halben Jahr und einem Jahr umfasst die Therapie. „Nicht jede Familie ist dafür geeignet“, führt Knödler an.

Der Wille zum Mitmachen sei entscheidend. Seit April 2008 bieten die freien Träger der Jugendhilfe die systemische Familientherapie an. Von 29 Fällen konnte auf diese Art 20 Mal eine Unterbringung des Kindes gänzlich verhindert werden.

Die Familien gingen laut Knödler gestärkt für zukünftige Krisen aus der Behandlung. Sechs Mal wurde die systemische Familientherapie abgebrochen, einmal nicht begonnen. Lediglich zweimal erfolgte eine Unterbringung.

Die systemische Familientherapie ist eine anerkannte Behandlungsform, die allerdings nicht bei leichteren Erziehungsproblemen zur Anwendung kommt. Indikation für eine solche Therapie ist eine schwere Krise in der Familie, die alternativ eine stationäre Unterbringung des Kindes erfordern würde.

„Die Problematik hat sich grundsätzlich geändert. Inzwischen sind es nicht nur alleinerziehende Elternteile, sondern gut abgesicherte Patchworkfamilien, die mit schweren Problemen zu kämpfen haben“, erklärte Jugendamtsleiter Martin Feuerstein.

Kreistagsmitglied Siegfried Neumann aus Lauda: „Wir sollten weitermachen, aber auch darauf achten wie nachhaltig der Erfolg ist.“ Dr. Reiner Buchhorn, Chefarzt der Kinderklinik in Bad Mergentheim äußerte den Einwand, dass diese Art der Therapie eine psychotherapeutische Leistung sei und unter Obhut von entsprechenden Psychologen stattfinden sollte .

„Welche Alternativen haben wir? Wollen wir diese Familien bis zur Inobhutnahme im Stich lassen? Ich sehe die systemische Familientherapie als soziale Leistung, bei der die Betonung auf systemisch liegt“, so Elisabeth Krug, Dezernentin für Jugend und Soziales auf den Einwand.

„Es gibt keine Alternativen. Aber wir sollten in ein paar Jahren die Nachhaltigkeit hinterfragen“, so Kreistagsmitglied Manfred Schaffert.

Quelle: Mainpost vom 03.12.2009