Beratung und ambulante Dienste unter einem Dach

NÜRNBERG/RUMMELSBERG  — Über ein neues Angebot für Menschen mit Behinderung haben sich rund 50 Gäste bei einem Tag der offenen Tür in Nürnberg informiert. In neuen, modern und einladend gestalteten Büroräumen sind jetzt in der Ajotschstraße 6 (Nähe Maffeiplatz) mehrere Beratungsstellen der Rummelsberger Diakonie unter einem Dach versammelt. Außerdem vermittelt die Anlaufstelle eine Reihe von ambulanten Diensten der Rummelsberger.

Im Beratungszentrum finden Betroffene, Angehörige und Interessierte die Psychosoziale Beratungsstelle für Menschen mit Epilepsie (Ansprechpartnerinnen: Daniela Grießinger, Kerstin Kählig), die Beratungsstelle für Menschen mit Schädel-Hirn-Verletzung (Katrin Frank, Bernhard Geyer, Uli Wittenbeck) und die Beratungsstelle für körper- und mehrfachbehinderte Menschen (Irmingard Fritsch). Bei den Offenen Angeboten (Thomas Dietrich) können eine Reihe ambulanter Dienste in Anspruch genommen werden wie Familienunterstützende Dienste, Ambulant Unterstütztes Wohnen, Schulbegleiter und Integrationshelfer.

Zur Eröffnung beim Tag der offenen Tür war gute Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen und Kontakte zu knüpfen. Das Angebot nutzten vor allem Mitarbeitende anderer Beratungsstellen, sozialer Einrichtungen und Ausbildungsstätten sowie Rummelsberger Kolleginnen und Kollegen aus anderen Geschäftsbereichen in Nürnberg. Außerdem kamen der Behindertenbeauftragte der Stadt Nürnberg, Norbert Roth, und Vertreter des Behindertenrats zum Gedankenaustausch.

Gemeinsam gestalteten die Gäste ein Bild, das künftig mit den Werken der Künstlergruppe „Chroma Omada“ die Büroräume verschönert. Der künstlerische Leiter der Werkstatt für behinderte Menschen der Stadt Nürnberg, Wolfgang Zeilinger, war mit der Künstlerin Gila Fürst und dem Künstler Siegfried Wurm zur Eröffnung auch der Ausstellung gekommen, die bis zum kommenden Sommer während der Öffnungszeiten des Beratungszentrums zu sehen ist (werktags 10 bis 16 Uhr). Danach stehen die Flächen anderen Künstlern und Künstlerinnen zur Verfügung. Die außergewöhnlichen Arbeiten von Croma Omada können auch käuflich erworben werden – eines der Bilder wechselte noch am Eröffnungstag den Besitzer.

Der Einzelne als Teil

Ein weiterer Höhepunkt der Eröffnung erwartete die Besucherinnnen und Besucher im gut besuchten Vortragsraum des Südstadt Forums. Nachdem Ingrid Schön, die die Rummelsberger Offenen Angebote leitet, ihr Team vorgestellt hatte, erläuterte der Psychologe Rainer Schwing unter der Überschrift „Niemand ist alleine krank“ Fachleuten, Betroffenen und Angehörigen die Bedeutung und Wirkung positiver Beziehungen bei Krankheit und Behinderung. Dabei verstand es der Experte, komplizierte Zusammenhänge anschaulich und immer wieder auch amüsant zu vermitteln.

Ausgangspunkt für den Vortrag war eine „systemische“ Sicht aufs Thema. Dabei wird der Mensch nicht nur als einzelne Persönlichkeit betrachtet, sondern als Teil eines sozialen Gefüges: zum Beispiel seiner Familie, seines Freundeskreises oder des Miteinanders mit Kolleginnen und Kollegen. Bei einer Beratung nach diesem Modell wird deshalb immer auch sein Umfeld mit in den Blick genommen. Denn ändert sich ein Teil des Gefüges an Beziehungen, verändern sich auch die anderen Teile – ein ganzes System gerät in Bewegung.

Wie der Referent erläuterte, werden diese Einsichten durch Erkenntnisse der Neurobiologie gestützt – mit überraschenden Ergebnissen. Unser Gehirn arbeitet anders, wenn wir uns akzeptiert und geliebt fühlen. Es ist keineswegs statisch, sondern kann sich verändern und wachsen und das innerhalb kürzester Zeit. Wissenschaftliche Versuchsreihen haben ergeben, dass der direkte Kontakt zu vertrauten Personen uns Stress nachweislich weniger intensiv erleben lässt.

Auch rein körperlich sind die positiven Wirkungen enorm. Die Wundheilung ist bei Menschen mit als unterstützend erlebten Beziehungen um 20 Prozent erhöht. Wenn ein Paar mit akuten Konflikten zu kämpfen hat, ist die Wundheilung hingegen um 60 Prozent verzögert.

Ebenso bemerkenswert sind Einsichten der „Salutogenese“. Gemeint ist der Ansatz von Aaron Antonowski, wie Gesundheit entsteht und erhalten werden kann. Im Mittelpunkt steht dabei nicht mehr, was uns krank macht, sondern was uns stärkt. Wie Rainer Schwing erklärte, ergab die Forschung auf diesem Gebiet zum Beispiel, dass die Erfahrung, selbst etwas bewirken zu können und die Überzeugung, dass das eigene Handeln einen Sinn hat, die Selbstheilungskräfte stärken.

Was hält uns gesund?

Aufschlussreiches hatte der Referent auch aus dem Gebiet der Resilienz-
forschung zu berichten, die der Frage nachgeht, wie Menschen schreckliche Erlebnisse gesund überstehen. Das ist keineswegs nur vom Erlebten abhängig. Manche Kinder aus schwierigsten Verhältnissen können trotzdem ein erfolgreiches und zufriedenstellendes Leben führen. Andere zerbrechen an den Erfahrungen. Tragfähige Beziehungen lassen uns auch schlimmste Erfahrungen aus unserer Umwelt verkraften.

Liebe, so Schwing, ist nicht nur ein hoher Wert, sondern auch ein biologisches Bedürfnis. Ein wertschätzendes Miteinander spielt daher auch am Arbeitsplatz eine wichtige Rolle. Es führt zu einem niedrigeren Krankenstand, weniger Ausfällen und einer geringeren Zahl von „Burn out“, fördert die Zusammenarbeit und erhöht die Leistung.

Die Sichtweisen und Forschungsergebnisse, die der Psychologe in dem spannenden Referat vorstellte, lassen sich für die Beratung und Begleitung von Menschen mit Erkrankungen und Behinderung in vielfältiger Weise nutzbar machen. In die Arbeit der Beratungsstellen im neuen Zentrum der Rummelsberger Diakonie fließt das schon seit Längerem ein. Schließlich waren drei der Mitarbeitenden Schüler und Schülerinnen des renommieren Psychologen.

Autor und Fotos: Klaus Leder

Quelleder Bote, 11.1.2012