26.12.2017

Liebe heilt: den, der sie gibt wie den, der sie empfängt.

AutorIn:  Rainer Schwing
Kategorie: Netzwerke, Neurobiologie, Zum Nachdenken, Blog


Ein Beitrag zu Weihnachten 2017

Liebe, für einander da sein, sich um einander kümmern, sich gegenseitig aushelfen, das sind Verhaltensmuster, die nicht nur in religiösen Geboten zu finden sind, sondern überall in der Natur: zwischen Menschen, zwischen Tieren, und zwischen Pflanzen. Warum ist das so? Weil Liebe und Kooperation Überlebensprinzipien sind, die sich in der Evolution durchgesetzt haben.

Neben der Liebe gibt es natürlich auch das Lebensprinzip der Jagd und der Konkurrenz, der Durchsetzung gegenüber Schwächeren. Jedes Lebewesen auf dieser Erde ernährt sich schließlich von anderen Lebewesen, und/oder deren Produkten (wobei das „und“ und das „oder“ schon einen entscheidenden Unterschied markieren, z.B. für das Huhn, ob es verspeist wird oder nur die Eier weggenommen bekommt). In der Evolution gab es immer wieder durch dieses Prinzip Entwicklungssprünge hinzu größerer Differenzierung. Das Kiefer bei frühen Meereslebewesen brachte eine größere Wahrscheinlichkeit, Nahrung zu erlangen, sie verlangte nach der Entwicklung einer Wirbelsäule, um das Tier zu stabilisieren. Die Jagd im Wasser nach anderen Lebewesen verlangte nach Schnelligkeit (sowohl beim Jäger als auch beim gejagten) und das begünstigte die Entwicklung eines motorischen Systems. Sie verlangte gleichzeitig auch nach einer Orientierung im dreidimensionalen Raum (Sowohl beim Jäger als auch beim gejagten) und begünstigte damit der Entwicklung eines ausgefeilten sensorischen Systems. Die erfolgreiche Jagd auf Tiere mit immer ausgefeilteren Waffen hat die Ernährungssituation unserer Vorfahren stabilisiert. So sind wir das, was wir heute sind, auch durch diese Impulse geworden.

Gleichzeitig gibt es das Prinzip der Kooperation der Liebe, das gibt es auf der Ebene von Zellen, zwischen Einzeller und Menschen, zwischen Pflanzen zwischen Tieren. Der chilenische Biologe Humberto Maturana sprach von Liebe, wenn er berichtete, wie Zellen sich gegenseitig fördern. Zellbiologen sprechen vom Heimwehtod (Anoikis): Bestimmte Zellarten sterben, wenn sie aus ihrem Verbund, der sogenannten extrazellulären Matrix herausfallen. Wenn sich die Lebensbedingungen von Amöben drastisch verschlechtern und ihr Überleben auf dem Spiel steht, schließen sie sich zu Zellverbünden (slime molds) zusammen und sichern durch Kooperation in einem mehrstufigen Prozess, dass viele von ihnen überleben. Bakterien in unserem Darm schützen uns vor mannigfaltigen Gefahren, wenn wir sie gut versorgen. Waldbäume sind miteinander durch ein Pilzmycel verbunden und können über diesen Kanal sowohl Informationen weitergeben (z.B. über einen Schädlingsbefall) als auch sich gegenseitig mit Nährstoffen versorgen. Chilipflanzen wachsen besser und robuster, wenn Basillikum in ihrer Nähe wächst. Tiere schützen sich, trösten andere, helfen sich gegenseitig aus einer Klemme, pflegen sich, wenn sie verletzt sind.

Auch uns Menschen tut es gut, gesehen und geliebt zu werden. Das ist nicht nur ein psychologisches Phänomen, das Prinzip Liebe ist tief in unserer Biologie verankert: Hände halten, körperliche Berührung kann Stress im Schach halten. In vielen Untersuchungen wurde gezeigt, wie sich dadurch der Cortisol-Spiegel deutlich und schnell senkt. Bei Paaren, die sich lieben, geschieht die Wundheilung doppelt so schnell als in konfliktgeprägten Partnerschaften. Und die Partner bleiben gesünder oder werden schneller wieder gesund. Das ist für viele Krankheitsarten belegt. Für Prof. Christian Schubert, Innsbrucker Experte für Psychoneuroimmunologie, ist die Qualität der menschlichen Beziehungen einer der Hauptfaktoren für ein robustes Immunsystem. Und John Medina von der University of Washington betonte kürzlich in einem Interview, dass eine positive Antwort auf die Frage „Kennst du Menschen, die du nachts um 3 Uhr anrufen kannst, wenn Du in Not bist?“ am besten ein hohes Lebensalter vorhersagen kann. Eine große Metastudie in Skandinavien belegte, dass soziale Unterstützung größere protektive Wirkung hat als Sport, und Körpergewicht, soziale Isolation ist ähnlich schädigend wie 15 Zigaretten am Tag.

Und nicht nur geliebt werden hat heilsame Wirkung, Liebe tut auch dem gut, der sie gibt. Eine Studie mit Jugendlichen zeigte, dass bereits nach 2 Monaten ehrenamtlicher Tätigkeit biologische Marker wie Entzündungsmarker und Cholesterin im Vergleich zu einer Kontrollgruppe deutlich reduziert waren. In der bekannten Terman Studie, die seit 1921 die Bedingungen für Langlebigkeit untersucht, kam heraus, dass hilfsbereite Menschen besonders lange leben.

Das sind für mich als Systemischer Berater und Therapeut besonders wichtige Befunde. Sie wiesen darauf hin, dass wir vieles für die Gesundheit von Menschen tun können, wenn wir nicht nur die einzelne Person behandeln, sondern auch das Lebensumfeld miteinbeziehen und dafür sorgen, dass in Familien, Gemeinschaften, Nachbarschaften Konflikte gut bewältigt werden und es etwas liebevoller zugeht.

Das ist alles nichts Neues, schon in der Bibel finden sich im 1. Korintherbrief 13 die starken Worte:

„Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.

Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis ......, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.

........ Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

In diesem Sinne wünsche ich einen schönen Weihnachtsausklang. Vielleicht besinnen wir uns im neuen Jahr auf die Weihnachtsbotschaft und sorgen in unserem Wirkungskreis dafür, dass das liebevolle Miteinander gestärkt wird. Egal, welcher Religion wir angehören oder wie wir zu Religion stehen. Es wird uns guttun.

 

Ach ja, da war doch noch was, die dunklen Seiten unserer Existenz. Dazu gibt es eine nette Geschichte:

Ein alter Indianer erzählt seinem Enkel: »In meinem Herzen leben zwei Wölfe. Der eine ist der Wolf der Dunkelheit, der Angst, des Misstrauens und des Neides. Der andere Wolf ist der Wolf des Lichtes, der Liebe, des Vertrauens und der Lebensfreude. Beide Wölfe kämpfen oft miteinander.« »Welcher Wolf gewinnt?«, fragt der Enkel. »Der, den ich füttere«, sagt der Indianer.


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