SYMPAthische Psychiatrie

Handbuch systemisch-familienorientierter Arbeit

Jochen Schweitzer, Elisabeth Nicolai

Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2010

Systemische Ausrichtung einer Akutpsychiatrie, geht das? Es geht! Und es hat zahlreiche positive Effekte, wie das SYMPA-Projekt eindrucksvoll zeigte.

In den Jahren 2002 bis 2009  wurden (nach einem Vorläuferprojekt 1997-2000) an drei psychiatrischen Kliniken der Akutversorgung systemische Handlungsmodelle implementiert. Dies geschah durch intensive Weiterbildung des ärztlichen, therapeutischen und pflegerischen Personals, Einführung systemischer Handlungsstandards und, ein Novum im deutschsprachigen Raum, eine umfangreiche wissenschaftliche Begleitforschung. In dem Buch legen Jochen Schweitzer und Elisabeth Nicolai nun ihren Projektbericht vor und zeigen, wie man Psychiatrie im Krankenhaus als echte Gemeinschaftsleistung betreiben kann. Dies gelingt nur, wenn der Fokus der Arbeit sich nicht nur auf den Patienten richtet, sondern mindestens ebenso auf die Zusammenarbeit zwischen Patienten, ihren Angehörigen, ihrem außerstationären Umfeld und ihren Behandlern im Krankenhaus. Statt einer Behandlungskultur sollte eine Verhandlungskultur entstehen, in der mehr mit statt über Patienten geredet wird (was sich beispielsweise empirisch bestätigen ließ).

Nach einer Einführung in Prinzipien und Geschichte des SYMPA-Projektes und einer theoretischen Rahmung wird es sehr praktisch (was den Hauptteil des Buches ausmacht): die Prinzipien einer systemisch-psychiatrischen Praxis werden beschrieben: Kontext- und Ressourcenorientierung, Verhandlungskultur und Wahlmöglichkeiten, Einbezug von Familien und Angehörigen. Es folgen die Beschreibung der durchgeführten Weiterbildungen und sehr konkrete Praxis-Handwerkszeuge, die in den Kliniken angewandt wurden, von der Auftragsklärung zu Beginn, über die Gestaltung des Behandlungsverlaufs auf der Station bis zur Kooperation mit Angehörigen und Nachbehandlern (nicht nur) am Ende des stationären Aufenthalts. Dabei werden auch heikle Themen wie der Umgang mit Zwangs- uns Kontrollaufträgen und mit strittigen Behandlungsfragen nicht ausgeklammert. Den Abschluss bilden die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung.

Ich habe das Buch mit großem Gewinn gelesen. Es belegt überzeugend die Umsetzbarkeit systemischer Behandlungskonzepte in der Akutpsychiatrie und gibt viele wertvolle praxisrelevante Hinweise. Es ist nicht übertrieben, wenn die Autoren stolz resümieren, dass „ohne zusätzliches Personal, mit aktiver Unterstützung der Chefärzte, mit den Mitteln einer berufsgruppenübergreifenden gemeinsamen Weiterbildung, eines verbindlichen Handbuchs und der kontinuierlichen Einarbeitung neuer Mitarbeiter ein systemischer Ansatz auch mittelfristig auf psychiatrischen Akutstationen eingeführt und dauerhaft praktiziert werden kann“ (S. 150).

Ich fand das Buch vor allem auch anregend vor dem Hintergrund unserer eigenen 15-jährigen Erfahrung in der Implementierung systemischer Ansätze in großen Jugendhilfe-Einrichtungen, hier gibt es viele Parallelen und eine Menge voneinander zu lernen! Und vielleicht können die im Vorwort genannten SYMPA-Prinzipien eine gute Grundlage für die Entwicklung von Güte-Kriterien systemisch arbeitender Organisationen werden:

  • Enge Kooperation mit der Familie und anderen für den Patienten wichtigen Menschen
  • Respekt gegenüber familiären Bindungen und Loyalitäten
  • Starke reale und virtuelle Präsenz der Familien auf der Station (in Paar- und Familiengesprächen, Angehörigengruppen, Multifamiliensettings, aber auch in Genogramm und Skulpturarbeit, mittels Familienbrett und zirkulären Fragen)
  • Gemeinsames kontextuelles Fallverstehen
  • sorgfältige Auftragsklärung
  • Systemische Selbstreflexion
  • Ressourcen- und Lösungsorientierung
  • Veränderungsoptimismus

Mit der Realisierung dieser Prinzipien lässt sich gerade eine Wirkung erreichen: die gemeinsame Sprache und gleichberechtigte Kooperation der verschiedenen Berufsgruppen als Voraussetzung für eine tragfähige und gesundheitsförderliche Arbeitskultur. Auch das konnten wir in unseren Jugendhilfeprojekten immer wieder eindrücklich erleben, und das konnte im SYMPA-Projekt gut empirisch belegt werden.

Fazit: ein sehr lesenswertes Büchlein, das viele Anregungen gerade auch über den Bereich der Psychiatrie hinaus enthält.

Rainer Schwing

P.S.: Wer das Buch online bestellen und gleichzeitig den regionalen Buchhandel unterstützen möchte, wird hier fündig: Buchladen am Freiheitsplatz, Hanau

 


 

 

Das Buch für die
systemische Praxis

Das Methodenhandbuch von Rainer Schwing und Andreas Fryszer...

mehr

Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie

Akkreditiertes Weiterbildungsinstitut

European Association of Family Therapy (EFTA)

praxis institut für systemische beratung süd ist Mitglied der European Association of Family Therapy (EFTA)

Mitgliedschaften und Akkreditierungen