Das Lernen geht weiter, nun auch wieder mit Präsenzveranstaltungen…

In immer mehr Bereichen kehrt langsam der Alltag zurück. Auch unser Institut wird schrittweise wieder mit Präsenzveranstaltungen beginnen. Dabei gelten für uns nicht die gleichen Regeln wie für Schulen und Hochschulen, sondern in jedem Bundesland müssen unterschiedliche Vorgaben für Weiterbildungs-Einrichtungen eingehalten werden.
Die aktuell gültigen Verordnungen finden Sie im Bereich Service/Download auf unserer Webseite. 

Wir freuen uns sehr, dass wir unseren Seminarbetrieb wieder aufnehmen und unsere Teilnehmer*innen bei uns begrüßen dürfen. Eure Gesundheit liegt uns dabei besonders am Herzen und wir tun alles, um Euch und uns während Eures Aufenthaltes in unseren Räumlichkeiten bestmöglich zu schützen. Dafür haben wir ein Hygiene-Konzept erarbeitet, das hier gelesen werden kann.

Wir sind uns dessen bewusst, das es für manche Teilnehmer*innen aufgrund ihrer beruflichen, familiären oder gesundheitlichen Situation noch nicht möglich sein wird, wieder bei Seminaren vor Ort dabei zu sein und andere es aus guten, persönlichen Gründen noch nicht wollen. Daher werden wir ergänzende Blended Learning Angebote zu den Präsenzveranstaltungen planen.
Die Teilnehmer*innen der einzelnen Weiterbildungen, Fachtage und Workshops werden rechtzeitig über die jeweiligen Planungen informiert. Weiterbildungs-Teilnehmer*innen finden darüber hinaus weitere Informationen im Lernmanagement-System Isyflow.

Auch unser sonstiges Angebot mit virtuellen Workshops in der Reihe „praxis lernen online“, den Videos und Vorträgen auf Isyflow und den virtuellen Räumen auf Vitero und Jitsi für Selbstlerngruppen wird weitergehen.

Nähere Infos zu allen digitalen Angeboten finden Sie hier unter praxis lernen online sowie im Lernmanagement System Isyflow im Foyer.

 

Sie sind hier:  praxis institut südpraxis impulseBuchtipps Neurobiologie der Psychotherapie

Neurobiologie der Psychotherapie

Günter Schiepek (Hrsg.)

Stuttgart: Schattauer 2011 (2. Auflage).
 

Psychotherapie wirkt, und das lässt sich neurobiologisch zeigen Für den Beleg dieser Aussage legt Günter Schiepek mit dem vorliegenden Buch ein starkes Pfund in die Waagschale; genauer gesagt sind es 2,4 kg, geschrieben haben darin an die 100 renommierte Autoren, in 43 Kapiteln auf 679 Seiten ist das aktuellste Wissen zum Thema zusammengetragen. Das Buch ist eine Pionierarbeit, deutlich erweitert im Vergleich zur ersten Auflage 2003. Ähnliches in Form und Format ist im deutschsprachigen Raum und auch international kaum zu finden, (Corzolinos „Neuroscience of psychotherapy“ (2010) und Grawes „Neuropsychotherapie“ (2004) sind anders ausgerichtet, am ehesten vergleichbar ist noch Panksepps „Textbook of biological Psychiatry“ (2003))

Nach einem sehr lesenswerten Überblick über die Forschungslage und -paradigmen von Schiepek, Heinzel und Karch werden die aktuellen Forschungsmethoden dargestellt, die den Neurowissenschaften zu ihrem dramatischen Aufschwung verholfen haben. Dies ist gerade für Nicht-Hirnforscher informativ und lohnenswert. Es folgen in vier Artikeln die Grundlagen der Neuroplastizität (auch die neuesten Befunde zur Neubildung vorn Gehirnzellen), zur Psychoneuroimmunologie und -endokrinologie.

Mit diesem Wissen ausgestattet, wird es komplex. Wolf Singer leitet mit seinem sehr lesenswerten Artikel den Abschnitt ein, in dem das Gehirn als komplexes System konzeptionalisiert wird und theoretische und mathematische Modelle zur Erfassung und Erkundung dieser Komplexität vorgeschlagen werden. Hier wird der Brückenschlag zur systemischen Theorie deutlich, Gehirndynamiken werden ähnlich wie soziale Dynamiken systemisch beschrieben. Für einige dieser Artikel braucht es eine gewisse Unerschrockenheit ob der gelegentlich sehr komplexen Modelle. Aber: sie sind gut eingeführt und erläutert, und sie sind state of art der gegenwärtigen und v.a. der zukünftigen Gehirnforschung.

Weiter geht es zu den vergleichbar jungen Forschungsrichtungen der affective und social neuroscience, beide für Systemiker hochrelevant und anregend: sechs Arbeiten widmen sich Themen wie Emotionen, Gedächtnis, Ich- und Selbstbewusstsein, sowie Hypnose und Meditation, sechs weitere Artikel beschreiben die Neurobiologie sozialer Prozesse. Auch hier ist es Schiepek gelungen, wegweisende Experten zu gewinnen, als Beispiel für viele seien genannt: Gallese aus der italienischen Forschungsgruppe zu Spiegelneuronen, Buchheim zu Bindung, besonders erfreulich der Beitrag des Heidelberger Philosophen und Psychiaters Thomas Fuchs zu einer systemisch-ökologischen Konzeption neurobiologischer Befunde.

Der größte Abschnitt vereint 12 Arbeiten zu den neurobiologischen Grundlagen der wichtigsten psychischen Störungen, vertreten durch hochkompetente Autoren. Hier hätte ich mir neben der hervorragenden Arbeit von Bohus auch einen Artikel zur mentalisierungsbasierten Therapie von Fonagy u.a. gewünscht, die neurobiologisch sehr gut untersucht und empirisch umfassend fundiert ist.In vier weiteren Arbeiten werden mögliche Konsequenzen für die Therapie aufgezeigt, neben Psycho- und Pharmakotherapie werden Ansätze des Neurofeedbacks und der Hirnstimulation (letzteres am Beispiel des Tinnitus) beschrieben, die unmittelbar mit den zuvor dargestellten Paradigmen des Gehirns als selbstorganisierendes System arbeiten, somit systemische Konzepte für die Systemebene „Gehirn“ darstellen. Den Abschluss bilden zwei Arbeiten zu wissenschaftstheoretischen und ethischen Fragen, die u.a. mögliche Gefahren und Probleme biologischer Erklärungsansätze diskutieren.

Was ich an dem Buch schätze und warum ich es für außerordentlich wichtig halte: Das Buch zeigt überzeugend und durch hochrangige Autoren belegt die neuronalen Grundlagen psychotherapeutischer Wirkung; es liefert damit wesentliche Voraussetzungen, Psychotherapie neurobiologisch untermauern zu können. Schiepek und seine Autoren weisen weit in die Zukunft, sowohl neurobiologischer als auch psychotherapeutischer Forschung und Praxis. Zum einen wird es darum gehen, neben der reinen outcome-Forschung eine Prozessforschung psychotherapeutischer Arbeit zu etablieren, um die Wirkmechanismen detailliert im Zeitverlauf zu erkunden. Die Forschungsgruppe um Schiepek leistet hier Pionierarbeit (und die berichteten Befunde sind für einige Überraschungen gut). Zum anderen vollzieht das Buch den Übergang von einer rein lokalisatorischen Forschung („Hirnareal A ist zuständig für X“), zu einer systemischen Neurowissenschaft. Diese versteht das Gehirn als komplexes selbstorganisierendes System, das seine Leistungen durch Synchronisation von Aktivitätsmustern in weit verzweigten Netzwerken erzeugt. Es geht dabei nicht mehr allein darum, was die einzelne Hirnregion leistet, sondern wie sie im Verbund und in dynamischer Wechselwirkung zu anderen Gehirnarealen arbeitet. Dafür schlagen Schiepek, Haken, Eickhoff und andere Autoren theoretische Modelle wie die Synergetik oder mathematische Systemmodellierungen (in Anlehnung an von Bertalanffys Systemtheorie) vor. Diese Beschreibungen werden „abstrakt und unanschaulich“ sein und „mathematisches Rüstzeug und den Einsatz sehr leistungsfähiger Rechnungsanlagen benötigen“ (Singer, S.140). Doch es wird kein Weg daran vorbeigehen, will man die ungeheure Komplexität des Gehirns erfassen und verstehen.

Es ist kein Einsteigerbuch in die Neurobiologie. Grundlegende Begrifflichkeiten sollten vertraut sein, manchmal wünscht man sich bei der Lektüre einen Atlas der funktionellen Neuroanatomie an der Seite. Aber es ist ein Muss für alle, die verstehen wollen, wie psychotherapeutische Interventionen auf der biologischen Ebene wirken und es ist unverzichtbar für jeden, der die neuesten Entwicklungen neurobiologischer Forschung und Theoriebildung kennen und in seine Arbeit einbeziehen will. Fortsetzungen sind gewünscht: Systemiker, die diese Entwicklungen aktiv begleiten und mit gestalten, weitere Bücher, die die Anwendung neurobiologischer Erkenntnisse in der systemischen Praxis behandeln und die Kommunikation zwischen beiden Disziplinen vorantreiben. Vor allem wünsche ich mir, dass systemische Fragestellungen vermehrt in die neurobiologische Forschung Eingang finden, sodass in der dritten Auflage des Werks auch etliche Forschungsbefunde zur systemischen Therapie zu finden sein werden!

Fast vergessen: das finanzielle. Das Buch kostet 119 €. Matthias Ochs schrieb auf „www.systemisch-forschen.de“, es sei „jeden einzelnen Cent wert“. Dem kann ich mich nur anschließen.

Rainer Schwing

aus kontext, Heft 42/1, 2011, S. 85-86

P.S.: Wer das Buch online bestellen und gleichzeitig den regionalen Buchhandel unterstützen möchte, wird hier fündig: Buchladen am Freiheitsplatz, Hanau