April Leg Kürbiskerne in die Erde
viele Sorten – wie Roulette,
damit´s ein neues Sprießen werde
im geschützten Pflanzenbett.
Mai Da explodiert ein grünes Treiben,
voll Saft und Kraft woll´n alle leben
und nicht mehr in der Kiste bleiben!
Werd` ihnen Platz im Garten geben.
Juni Sie treiben voll ihr Eigenleben
und klettern über Zaun und Bäume!
Muss ihnen Halt und Stütze geben.
Sie lachen, nehmen wild ihre Räume.
Juli Da landet einer im Seerosenteich,
küsst kühn die rosa Blüten weich.
Ein anderer rankt die Zeder hinauf,
hört im Himmel nicht zu wachsen auf.
August Die gelben Blüten fangen zitternd den Tau,
laden Schmetterlinge und Hummeln ein.
Nachts nehmen Schnecken den verschwiegenen Bau,
zum Träumen oder für Liebelein.
September Die Früchte – zärtlich anzuschaun –
schwellen nun im dichten Grün.
Wie schwangere Bäuche strecken sie sich
in üppiger Fülle der Herbstsonne hin.
Oktober Sie leuchten gelb, orange und grün
und zeigen lachend ihre Gestalten.
Ob dick, rund, krumm, oval, gestreift androgyn,
sie haben ihr Versprechen im Kern gehalten.
November Sie schmücken das Haus, ein lustiger Chor.
Sie bringen das Lachen vom Sommer herein.
Jeder rollt sich prall leuchtend hervor,
will Augenschmaus und Nahrung sein.
Dezember Holzscheite knistern im Kamin.
Der Kaiser will uns heut` beehren.
Als dickster vom Kürbisclan gibt er sich hin,
wird uns die edelste Mahlzeit bescheren.
Die Kerne versprechen fürs Neue Jahr
das nächste Roulette in der Kürbiskernbar.
Erika Lützner-Lay
Vielen Dank für die Wolken.
Vielen Dank für das Wohltemperierte Klavier
und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel.
Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn
und für allerhand andere verborgene Organe,
für die Luft, und natürlich für den Bordeaux.
Herzlichen Dank dafür, dass mir das Feuerzeug nicht ausgeht,
und die Begierde, und das Bedauern,
das inständige Bedauern. Vielen Dank für die vier Jahreszeiten,
für die Zahl e und für das Koffein,
und natürlich für die Erdbeeren auf dem Teller,
gemalt von Chardin, sowie für den Schlaf,
für den Schlaf ganz besonders,
und, damit ich es nicht vergesse,
für den Anfang und das Ende
und die paar Minuten dazwischen
inständigen Dank,
meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch.
Hans Magnus Enzensberger
aus: Hans Magnus Enzensberger: Kiosk, Frankfurt am Main 1995