Wenn du deine Reise nach Ithaka antrittst,
So hoffe, daß der Weg lang sei,
Reich an Entdeckungen und Erlebnissen.
Die Lästrygonen und die Zyklopen,
Den zornigen Poseidon, fürchte sie nicht;
Solche findest du nie auf deinem Weg,
Wenn deine Gedanken erhaben bleiben, wenn erlesene Gefühle
Deinen Geist und deinen Körper beherrschen.
Den Lästrygonen und den Zyklopen,
Dem wilden Poseidon, ihnen wirst du nicht begegnen,
Wenn du sie nicht in deiner Seele trägst,
Wenn deine Seele sie nicht vor dich stellt.
Hoffe, daß der Weg lang sei,
Voll Sommermorgen, wenn du,
Mit welchem Vergnügen, mit welcher Freude,
In bisher unbekannte Häfen einfährst.
Unterbrich deine Fahrt in phönizischen Handelsplätzen,
Und erwirb schöne Waren,
Perlmutt, Korallen, Bernstein und Ebenholz,
Allerlei berauschende Essenzen,
Soviel du vermagst an berauschenden Essenzen.
Besuche viele ägyptische Städte,
Und lerne mehr und mehr von den Gelehrten.
Bewahre stets Ithaka in deinen Gedanken.
Dort anzukommen ist dein Ziel.
Aber beeile dich auf der Reise nicht.
Besser, daß sie lange Jahre dauert,
Daß du als alter Mann erst von der Insel ankerst,
Reich an allem, was du auf diesem Weg erworben hast,
Ohne die Erwartung, daß Ithaka dir Reichtum schenkt.
Ithaka hat dir eine schöne Reise beschert.
Ohne Ithaka wärest du nicht aufgebrochen.
Jetzt hat es dir nichts mehr zu geben.
Und auch wenn du es arm findest, hat Ithaka
Dich nicht enttäuscht. Weise geworden, mit solcher Erfahrung
Begreifst du ja bereits, was Ithakas bedeuten.
Konstantin Kavafis (1863 - 1933)
Im Jardin des Plantes, Paris
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.
Rainer Maria Rilke, 6.11.1902
Vom Vater hab ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Vom Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabulieren.
Urahnherr war der Schönsten hold,
Das spukt so hin und wieder;
Urahnfrau liebte Schmuck und Gold,
Das zuckt wohl durch die Glieder.
Sind nun die Elemente nicht
Aus dem Komplex zu trennen,
Was ist denn an dem ganzen Wicht
Original zu nennen?
Johann Wolfgang von Goethe
April Leg Kürbiskerne in die Erde
viele Sorten – wie Roulette,
damit´s ein neues Sprießen werde
im geschützten Pflanzenbett.
Mai Da explodiert ein grünes Treiben,
voll Saft und Kraft woll´n alle leben
und nicht mehr in der Kiste bleiben!
Werd` ihnen Platz im Garten geben.
Juni Sie treiben voll ihr Eigenleben
und klettern über Zaun und Bäume!
Muss ihnen Halt und Stütze geben.
Sie lachen, nehmen wild ihre Räume.
Juli Da landet einer im Seerosenteich,
küsst kühn die rosa Blüten weich.
Ein anderer rankt die Zeder hinauf,
hört im Himmel nicht zu wachsen auf.
August Die gelben Blüten fangen zitternd den Tau,
laden Schmetterlinge und Hummeln ein.
Nachts nehmen Schnecken den verschwiegenen Bau,
zum Träumen oder für Liebelein.
September Die Früchte – zärtlich anzuschaun –
schwellen nun im dichten Grün.
Wie schwangere Bäuche strecken sie sich
in üppiger Fülle der Herbstsonne hin.
Oktober Sie leuchten gelb, orange und grün
und zeigen lachend ihre Gestalten.
Ob dick, rund, krumm, oval, gestreift androgyn,
sie haben ihr Versprechen im Kern gehalten.
November Sie schmücken das Haus, ein lustiger Chor.
Sie bringen das Lachen vom Sommer herein.
Jeder rollt sich prall leuchtend hervor,
will Augenschmaus und Nahrung sein.
Dezember Holzscheite knistern im Kamin.
Der Kaiser will uns heut` beehren.
Als dickster vom Kürbisclan gibt er sich hin,
wird uns die edelste Mahlzeit bescheren.
Die Kerne versprechen fürs Neue Jahr
das nächste Roulette in der Kürbiskernbar.
Erika Lützner-Lay
Vielen Dank für die Wolken.
Vielen Dank für das Wohltemperierte Klavier
und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel.
Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn
und für allerhand andere verborgene Organe,
für die Luft, und natürlich für den Bordeaux.
Herzlichen Dank dafür, dass mir das Feuerzeug nicht ausgeht,
und die Begierde, und das Bedauern,
das inständige Bedauern. Vielen Dank für die vier Jahreszeiten,
für die Zahl e und für das Koffein,
und natürlich für die Erdbeeren auf dem Teller,
gemalt von Chardin, sowie für den Schlaf,
für den Schlaf ganz besonders,
und, damit ich es nicht vergesse,
für den Anfang und das Ende
und die paar Minuten dazwischen
inständigen Dank,
meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch.
Hans Magnus Enzensberger
aus: Hans Magnus Enzensberger: Kiosk, Frankfurt am Main 1995
