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Über die Unfruchtbarkeit

Der Obstbaum, der kein Obst bringt

Wird unfruchtbar gescholten, wer

Untersucht den Boden?

Der Ast, der zusammenbricht

Wird faul gescholten, aber

Hat nicht Schnee auf ihm gelegen?

Berthold Brecht

 

 

Der Kürbisblues

April                           Leg Kürbiskerne in die Erde

                                  viele Sorten – wie Roulette,

                                  damit´s ein neues Sprießen werde

                                  im geschützten Pflanzenbett.

 

Mai                              Da explodiert ein grünes Treiben,

                                    voll Saft und Kraft woll´n alle leben

                                   und nicht mehr in der Kiste bleiben!

                                   Werd` ihnen Platz im Garten geben.

 

Juni                              Sie treiben voll ihr Eigenleben

                                    und klettern über Zaun und Bäume!

                                    Muss ihnen Halt und Stütze geben.

                                    Sie lachen, nehmen wild ihre Räume.

 

Juli                               Da landet einer im Seerosenteich,

                                    küsst kühn die rosa Blüten weich.

                                    Ein anderer rankt die Zeder hinauf,

                                    hört im Himmel nicht zu wachsen auf.

 

August                          Die gelben Blüten fangen zitternd den Tau,

                                    laden Schmetterlinge und Hummeln ein.

                                    Nachts nehmen Schnecken den verschwiegenen Bau,

                                    zum Träumen oder für Liebelein.

 

September                    Die Früchte – zärtlich anzuschaun –

                                    schwellen nun im dichten Grün.

                                    Wie schwangere Bäuche strecken sie sich

                                    in üppiger  Fülle der Herbstsonne hin.

 

Oktober                        Sie leuchten gelb, orange und grün

                                    und zeigen lachend ihre Gestalten.

                                    Ob dick, rund, krumm, oval, gestreift androgyn,

                                    sie haben ihr Versprechen im Kern gehalten.

 

November                     Sie schmücken das Haus, ein lustiger Chor.

                                    Sie bringen das Lachen vom Sommer herein.

                                    Jeder rollt sich prall leuchtend hervor,

                                    will Augenschmaus und Nahrung sein.

 

Dezember                     Holzscheite knistern im Kamin.

                                    Der Kaiser will uns heut` beehren.

                                    Als dickster vom Kürbisclan gibt er sich hin,

                                    wird uns die edelste Mahlzeit bescheren.

                                    Die Kerne versprechen fürs Neue Jahr

                                    das nächste Roulette in der Kürbiskernbar.

 

Erika Lützner-Lay


Empfänger unbekannt


Vielen Dank für die Wolken.

Vielen Dank für das Wohltemperierte Klavier

und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel.

Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn

und für allerhand andere verborgene Organe,

für die Luft, und natürlich für den Bordeaux.

Herzlichen Dank dafür, dass mir das Feuerzeug nicht ausgeht,

und die Begierde, und das Bedauern,

das inständige Bedauern. Vielen Dank für die vier Jahreszeiten,

für die Zahl e und für das Koffein,

und natürlich für die Erdbeeren auf dem Teller,

gemalt von Chardin, sowie für den Schlaf,

für den Schlaf ganz besonders,

und, damit ich es nicht vergesse,

für den Anfang und das Ende

und die paar Minuten dazwischen

inständigen Dank,

meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch.

 

Hans Magnus Enzensberger

aus: Hans Magnus Enzensberger: Kiosk, Frankfurt am Main 1995